Herkunftsnachweise (HKN) gewinnen an Relevanz

Von der Beschaffung bis zur Stromkennzeichnung


Endkundenlieferanten müssen einmal pro Jahr die Stromkennzeichnung erstellen und den Endkunden die Zusammensetzung ihres Stromes kommunizieren. Seit der Annahme der Energiestrategie 2050 und der Energieverordnung per 1. November 2017 gilt für die Stromkennzeichnung an die Endkunden die vollständige Deklarationspflicht. Im Jahr 2016 waren noch 19% des gelieferten Stroms mit der Herkunft «nicht überprüfbar» angegeben. Das führte in Kombination mit einer erhöhten Nachfrage nach Herkunftsnachweisen (HKN) im In- und Ausland dazu, dass die Preise von HKN neue Rekordwerte erreichten.

Mit der vollständigen Deklarationspflicht wird das BFE auch die Kontrolle der Elektrizitätsbuchhaltungen verschärfen. Daher empfiehlt das BFE, diese auf freiwilliger Basis mindestens einmal jährlich von einer unabhängigen Instanz überprüfen und beglaubigen zu lassen. Wir unterstützten Energieversorger aktiv bei der Überprüfung der Produkt- und Beschaffungsstrategie, bei Schulungen oder bei der Sicherstellung ihrer «HKN Compliance».


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Hintergrund

Endkundenlieferanten müssen einmal pro Jahr die Elektrizitätsbuchhaltung und Stromkennzeichnung erstellen und dies den Endkunden kommunizieren. Seit der Annahme der Energiestrategie 2050 und der Energieverordnung per 1. November 2017 gilt für die Stromkennzeichnung an die Endkunden die vollständige Deklarationspflicht.

Die Basis für die Kennzeichnung von Elektrizität ist das Energiegesetz vom 26. Juni 1998 (Art. 9 EnG) und die Energieverordnung vom 7. Dezember 1998 (Art. 2 – 6 EnV). Die Verordnung des UVEK über den Herkunftsnachweis und die Stromkennzeichnung (HKSV) regelt, was ein Herkunftsnachweis umfassen muss.

Aktuelle Marktsituation

Die Nachfrage nach HKN in der Schweiz stieg von 51 TWh im Jahr 2017 auf 56.6 TWh im Jahr 2018, was ein Wachstum von rund 11% bedeutet.(1) In Kombination mit den geringen Niederschlagsmengen im Jahr 2018 in der Schweiz und in Norwegen sowie der Tatsache, dass einige Produzenten Zertifikate in grösseren Mengen auf Vorrat gekauft oder zurückbehalten haben, sind die Preise für Schweizer und europäische Herkunftsnachweise in der Periode 2017-2018 stark gestiegen. Wurden norwegische Wasser-HKN 2014 noch für 0.1 CHF / MWh gehandelt, lagen die Preise im Jahr 2018 zeitweise bei 2.7 CHF / MWh. Aktuell liegen diese bei rund 1.5 CHF / MWh.(2)

Der Preis von HKN Wasser naturemade basic Schweiz stieg von rund 0.5 CHF / MWh im Jahr 2014 auf rund 0.85 CHF / MWh im Jahr 2016 auf zeitweise bis zu 5 CHF / MWh im Jahr 2018. Zurzeit liegt der Preis bei rund 3.4 CHF / MWh, wohingegen Wasser naturemade star relativ konstant bei etwa 14 CHF /MWh liegt. Die Zeiten, in welchen die HKN-Beschaffung für die Strombeschaffung praktisch irrelevant war, sind damit vorbei. Die Produkt- und Beschaffungsstrategie kann letztlich die Endkundenpreise massgeblich mitprägen.

Aufgrund einer kontinuierlich höheren Nachfrage auch von europäische Firmenkunden, die ihren Strombedarf mit Erneuerbarer Energie decken möchten, wird der Preis auf absehbare Zeit kaum mehr auf das frühere, tiefe Niveau fallen.

Wird zusätzlich in Zukunft eine gesetzliche Zeitgleichheit der Herkunftsnachweis-Lieferung auf Tages-, Stunden- oder Viertelstundenbasis eingeführt, so würden sich die Preise für HKN auch zeitlich, insbesondere auch saisonal unterscheiden. Im Sommer wäre dabei ein Überangebot an Solar- und Wasser-HKN zu erwarten, welches den HKN-Preis unter Druck setzen dürfte und klassischen, sommerlastigen Wasserkraftwerksbetreiber Einnahmen schmälern würde. Umgekehrt würde die Beschaffung von HKN im Winterhalbjahr anspruchsvoller, teurer und nicht mehr vollständig im Inland möglich. Ob dies im Sinne der Energiestrategie 2050 ist oder nicht, kann trefflich diskutiert werden. Diese nicht zuletzt mit weiteren Digitalisierungsschritten absehbare Weiterentwicklung und die damit verbundene Preisvolatilität erhöhen die Ansprüche an eine durchdachte Produkt- und Beschaffungsstrategie und erschweren die korrekte und vollständige Führung der Elektrizitätsbuchhaltung. Die automatisierte und einfache Abwicklung des gesamten HKN-Handels über eine Blockchain ist dabei für die Schweiz aktuell noch nicht absehbar. Zwar sind entsprechende Plattformen und Pilotprojekte vorhanden, der Bedarf und die rechtliche bzw. institutionelle Einbettung im Schweizer HKN-System noch unklar. Dies zeigt unter anderem das Quartierstromprojekt (quartier-strom.ch) an dem der Autor als Co-Initiator beteiligt ist.

Compliance der Stromkennzeichnung

Vor diesem Hintergrund steigen die Anforderungen an die Stromkennzeichnung sowohl aus rechtlicher Sicht als auch aufgrund der Marktsituation. Die Einhaltung der Konformität («Compliance») der Stromkennzeichnung ist dabei von allen Energieversorgern im Auge zu behalten. Eine unabhängige Stelle führt im Auftrag des Bundes jährlich mindestens je 20 Stichprobenkontrollen bei kleinen, mittleren und grossen Energieversorgern durch. Dabei müssen der Kontrollstelle die Elektrizitätsbuchhaltung sowie die entsprechenden Nachweise vorgelegt werden.

Verweise

(1) ECOHZ (2018), European market for renewable energy continues to grow, with wind power surging ahead, Published 28 August, 2018 https://www.ecohz.com/press-releases/european-market-for-renewable-energy-continues-to-grow-with-wind-power-surging-ahead/.
(2) Umfrage bei diversen Händlern.

Meldung im energate messenger.


Über den Autor
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Ich beschäftige mich hauptsächlich mit den Themen Dekarbonisierung, Dezentralisierung und Digitalisierung.

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