Kooperationsverhalten und Rechtsformen bei EVU

Um sich auf dem Markt erfolgreich zu positionieren, gehen viele Energieversorgungsunternehmen (EVU) strategische Kooperationen ein. Diese werden in der Branche als wichtige Erfolgsfaktoren für das Bestehen im intensiveren Wettbewerb gesehen. Welche Faktoren können diese Vorhaben unterstützen? Ist bereits die Rechtsform eines EVU ein Unterscheidungsmerkmal, welches strategische Kooperationen fördern oder behindern kann?

Nach einer Befragung von über 30 mittelgrossen Schweizer EVU deuten die Ergebnisse darauf hin, dass die Aktiengesellschaft als geeignetste Rechtsform für das Eingehen strategischer Kooperationen angesehen wird. Diese Sichtweise wird von den EVU unabhängig von der eigenen Rechtsform eingenommen. Positive Auswirkungen auf die Kooperationsfähigkeit wurden von den EVU mit der Rechtform der Aktiengesellschaft zurückgemeldet. Dazu im Kontrast steht die Einschätzung von Verwaltungseinheiten, welche ihre Rechtsform in Bezug auf das Eingehen von Kooperationen mehrheitlich mit negativen Auswirkungen bewerten. Mit der vorliegenden, rein deskriptiven Analyse können diese Tendenzen anschaulich gezeigt werden. Aussagen darüber, wie sich die Faktoren Kooperationsfähigkeit und Rechtsform in ihrer Wechselwirkung beeinflussen, sind jedoch nicht möglich.

Kooperationsfähigkeit als Antwort für Herausforderungen im Marktumfeld

Drei Haupttreiber beeinflussen aktuell insbesondere die Betriebsorganisationen von EVU: die Liberalisierung, die Regulierung und die Energiestrategie 2050. Alle Marktteilnehmer sind gefordert, Antworten auf neue und teilweise noch unsichere Rahmenbedingungen zu finden. Als Gegenpol zu diesem bewegten Marktumfeld steht die sichere und wirtschaftliche Versorgung der Bevölkerung als wichtiger Grundpfeiler festgeschrieben.

In diesem Spannungsfeld ist eine mögliche Antwort der EVU, strategische Kooperationen einzugehen, um sich im Wettbewerb und auf dem Markt besser positionieren zu können. Mit strategischen Kooperationen sind Zusammenarbeitsformen gemeint, welche über reine Dienstleistungsverträge oder die Betriebsführung anderer EVU hinausgehen. Im Fokus stehen diejenigen Kooperationsformen, welche als Alternative oder Vorstufe zu Unternehmenszusammenschlüssen oder Unternehmenskäufen gesehen werden können.

Rechtsformänderung als Basis für verstärkte Kooperationstätigkeit?

Die Voraussetzungen, um Kooperationen einzugehen, variieren bei den EVU. Vorliegend wird der Faktor der Rechtsform bzw. die Auswirkung einer Rechtsformänderung in den letzten 15 Jahren untersucht. Wie steht es um EVU, welche einen Rechtsformwandel durchgeführt haben? Bedienen sie sich einer anderen Handlungslogik in ihrer Strategie? Gehen sie vermehrt (strategische) Kooperationen ein und wie wichtig ist ihnen diese Handlungsoption?

Mittels einer Umfrage mit Fokus auf die Kooperationstätigkeit in den letzten 15 Jahren wurden sowohl ausgegliederte Unternehmen (Aktiengesellschaften und selbständige öffentlich-rechtliche Unternehmen) als auch Verwaltungseinheiten (unselbständige öffentlich-rechtliche Unternehmen) bezüglich Kooperationen und ihrem Kooperationsverhalten befragt.[1] Insgesamt umfasste die Stichprobe 35 EVU. Rund 50 Prozent der angefragten Unternehmen beantworteten die Umfrage.

Kooperationen wird hohe strategische Bedeutung beigemessen

Die Umfrageergebnisse zeigen, dass die Wichtigkeit, strategische Kooperationen eingehen zu können, von 86 Prozent der Gruppe der Verwaltungseinheiten als äusserst hoch bzw. hoch eingeschätzt wird. Bei den ausgegliederten EVU sind es 70 Prozent.

Sobald der Bezug zur Unternehmensstrategie gemacht wird, zeigt sich bei den zwei Gruppen ein interessantes Bild. Bei den Verwaltungseinheiten weisen nur 57 Prozent eine explizite Zielvorgabe in Bezug auf Kooperationen in ihrer Strategie auf. In der Gruppe der ausgegliederten Unternehmen zeigt sich in Bezug zur ersten Frage ein deckungsgleiches Bild (70 Prozent).

Wenn die beiden Fragen in Zusammenhang gestellt werden, zeigt die Gruppe der Verwaltungseinheiten eine tiefere Übereinstimmung der empfundenen Wichtigkeit von Kooperationen und der unternehmenseigenen strategischen Vorgaben als die ausgegliederten Unternehmen.

«Es ist ein breites Spektrum an Kooperationsformen im Markt ersichtlich»

Wie die strategischen Zielvorgaben in beiden Gruppen umgesetzt werden, zeigt die Analyse der effektiven Kooperationstätigkeit in den letzten Jahren. Insgesamt kann bei den ausgegliederten Unternehmen eine höhere Kooperationstätigkeit festgestellt werden. Die befragten Unternehmen gaben an, im Durchschnitt in den letzten 10 Jahren knapp 11 Kooperationen eingegangen zu sein. Darunter waren im Durchschnitt 5.5 strategische Kooperationen. Bei den Verwaltungseinheiten wurden durchgehend tiefere Werte angegeben. Im Durchschnitt gingen die Unternehmen je 7 Kooperationen ein, wobei die Hälfte als strategische Kooperationen zu werten ist.

Dieses Resultat ist, mit Bezug auf rechtliche oder genehmigungstechnische Hindernisse zum Abschluss von strategischen Kooperationen wie der Fusion, Beteiligung, Betriebsführungsgesellschaft oder Tochtergesellschaft in der Gruppe der Verwaltungseinheiten nicht gänzlich erstaunlich. Gleichwohl wurden auch nicht-strategische Kooperationen im Durchschnitt weniger oft gemeldet als bei den ausgegliederten Unternehmen.

Die Kooperationsarten variieren bei den beiden Gruppen in den vergangenen 15 Jahren ebenfalls erheblich. Bei 80 Prozent der ausgegliederten Unternehmen sind Dienstleistungsverträge zu verzeichnen, 70 Prozent machen die Betriebsführung für andere EVU und 60 Prozent haben eine Akquisition getätigt oder sind eine Beteiligung eingegangen. Nur 40 Prozent der ausgegliederten Unternehmen gründeten Tochtergesellschaften. Während die ausgegliederten Unternehmen sich allen Kooperationsarten bedienen, fokussieren sich die Verwaltungseinheiten auf das Eingehen von Dienstleistungsverträgen. Weiter sind 86 Prozent von ihnen Beteiligungen eingegangen und 29 Prozent haben eine Akquisition getätigt oder eine Tochtergesellschaft gegründet.

Nutzen von Kooperationen im operativen Geschäft eines EVU

Die ausgegliederten Unternehmen schätzen die Nutzung von Synergien, die Wahrung der Selbständigkeit sowie die Optimierung der Ressourcen als Vorteile aus strategischen Kooperationen äusserst hoch bzw. hoch ein. Die schwächsten Vorteile sind die Reduktion von Schnittstellen sowie die Reduktion von Kosten.

Die Verwaltungseinheiten sehen den grössten Vorteil in der Stärkung der Marktposition. Danach folgen die Nutzung von Synergien, der Zugang zu Know-how und die Optimierung der Ressourcen. Ganz im Gegensatz zu den ausgegliederten Unternehmen werden Kooperationen nicht so stark als Mittel zur Wahrung der Selbständigkeit eingeschätzt.

Einschätzungen der EVU bezüglich Hindernisse in ihrer Kooperationsfähigkeit

Beide Gruppen geben an, dass politische und Verwaltungsprozesse die grössten Hindernisse zum erfolgreichen Eingehen von Kooperationen sind. Dies erstaunt vor allem bei den ausgegliederten Unternehmen, da die Rechtsformänderung gemäss den theoretischen Grundlagen eher zu einer Entpolitisierung des Geschäftsbetriebs führen sollte. „Nur“ eine Ausgliederung durchzuführen scheint für eine Verstärkung der unternehmerischen Freiheit nicht ausreichend zu sein. Welche Elemente bei dieser Fragestellung in besonderem Ausmasse mitspielen (bspw. Inhalte der Eigentümerstrategie, die Zusammensetzung des Verwaltungsrats, etc.) wurde nicht vertieft abgefragt.

Einschätzung der EVU bezüglich der Auswirkung ihrer Rechtsform

Keines der befragten EVU schätzt die unselbständige öffentlich-rechtliche Unternehmung als geeignetste Rechtsform für das Eingehen von strategischen Kooperationen ein. Die Mehrheit bzw. die überwiegende Mehrheit beider Gruppen geben die Rechtsform der Aktiengesellschaft an. Die selbständige öffentlich-rechtliche Unternehmung wird lediglich von einer Verwaltungseinheit ausgewählt.

88 Prozent der befragten ausgegliederten Unternehmen gaben an, dass sie positive Auswirkungen durch die Rechtsformänderung wahrgenommen haben. Wie bereits erwähnt, haben alle diese EVU die Rechtsformänderung in den vergangenen 15 Jahren durchgeführt. Ein EVU gab an, dass bei ihnen die Rechtsformänderung als Basis für alle weiteren Entwicklungen eingeschätzt werden muss. Andere ausgegliederte Unternehmen nannten die selbständigen, entpolitisierten Unternehmensentscheide bzw. die entpolitisierte Zusammensetzung des Verwaltungsrats als wichtige Gründe für die positive Wirkung der Rechtsformänderung.

Diese Angaben stehen in erheblichem Kontrast zu den Verwaltungseinheiten, welche zu 57 Prozent angaben, negative Auswirkungen durch ihre Rechtsform gespürt zu haben. Als Begründungen wurden genannt, dass für Kooperationen teilweise Volksabstimmungen nötig sind und sich der Prozess durch die politischen Abläufe verlangsamt bzw. bei negativen Entscheiden gestoppt wird. Weitere 29 Prozent der Verwaltungseinheiten gaben an, keine Einschätzung vornehmen zu können.

Wie hat sich nun die bestehende Rechtsform bzw. die neue Rechtsform auf die Planung und Durchführung von strategischen Kooperationen ausgewirkt? Die ausgegliederten Unternehmen gaben zu 72 Prozent an, dass mit der neuen Rechtsform schlankere interne Entscheidungsprozesse Einzug gehalten haben. Auch die verbreiterte Möglichkeit für Kooperationen sowie das attraktivere Profil auf dem Markt werden mit 56 bzw. 45 Prozent als äusserst hoch bzw. hoch eingeschätzt. Ein ausgegliedertes Unternehmen gab bei den eigenen Nennungen an, dass vor allem die politische Unabhängigkeit äusserst hoch wirkt.

Die Verwaltungseinheiten gaben bei allen drei Auswahlmöglichkeiten signifikant tiefere Werte an. Eine Verwaltungseinheit gab bei den eigenen Nennungen an, dass die Vertraulichkeit im Verhandlungsprozess nicht gegeben ist und Wettbewerber somit frühzeitig über die Absichten zur möglichen Kooperation informiert sind.

Fazit

Mit einer Ausgliederung ist noch kein unternehmensinterner Veränderungsprozess garantiert. Die Umfrageergebnisse zeigen aber, dass bei den befragten EVU in der Tendenz ein Zusammenspiel zwischen einer Rechtsformänderung und der gesteigerten Kooperationstätigkeit eines EVU ersichtlich wird. Um eindeutige Aussagen über die Wirkung und die Wirkungsbeziehung zu erhalten, wäre jedoch eine umfassendere Studie notwendig.

Interessant wäre es zu erkennen, wie sich durch eine Rechtsformänderung die gesamte operative Betriebslogik eines EVU verändert. Dafür könnten neben der Kooperationstätigkeit weitere Faktoren wie Strategie, Organisation, Prozesse, Personalwesen und IT untersucht werden. Für EVU, welche sich mit der Frage nach der eigenen, optimalen Rechtsform auseinandersetzen, gäben diese Erkenntnisse wichtige Hinweise auf neue Gestaltungsspielräume im operativen Tagesgeschäft. Die Rechtsformänderung würde von einem eher technisch-rechtlich geprägten Thema zur strategischen Diskussion um die zukünftige Gestaltung des eigenen Unternehmens.

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Kooperationsverhalten und Rechtsformen bei EVU

Verweise

[1] Die Stichprobe umfasste alle Schweizer EVU mit einem Versorgungsgebiet zwischen 10‘000 und 30‘000 Einwohnenden sowie mit der Rechtsform einer unselbständigen oder selbständigen öffentlich-rechtliche Unternehmung oder einer Aktiengesellschaft. Bei beiden letzteren durfte die Rechtsformänderung höchstens 15 Jahre zurückliegen.


Über den Autor
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Ich beschäftige mich hauptsächlich mit Strategieentwicklung und Organisationsoptimierungen sowie Rechtsformänderungen.

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