Kritische Grösse von Verteilnetzbetreibern

Unter Berücksichtigung der heute geltenden regulatorischen Rahmenbedingungen („cost+“) haben die schweizerischen Verteilnetzbetreiber (noch) keine direkten finanziellen Anreize für die Erzielung von Grössenvorteilen. Eine rein finanzielle Argumentation für einen Zusammenschluss von Verteilnetzbetreibern ist somit gegenwärtig noch nicht stichhaltig. Viel überzeugender sind die möglichen Tarifeinsparpotenziale aus Kundensicht sowie qualitative Argumente insbesondere im personellen Bereich. Eine „kritische Grösse“ für Verteilnetzbetreiber existiert im aktuellen regulatorischen „cost+“-Regime daher noch nicht. In Abhängigkeit der Weiterentwicklung des Strommarktes sowie insbesondere der schweizerischen Regulierung dürfte diese Feststellung zukünftig zu revidieren sein.

Ausgangslage

In jüngerer Vergangenheit haben die Diskussionen zur „kritischen Grösse“ von schweizerischen Verteilnetzbetreibern wieder zugenommen. Dies insbesondere vor dem Hintergrund eines fundamentalen Wandels des Strommarktes mit entsprechend grossen Herausforderungen für die Verteilnetzbetreiber. Die zu erwartenden Veränderungen im Strommarkt wie eine vollständige Liberalisierung, eine sich weiter verschärfende Regulierung, der gesellschaftliche Trend der Eigenversorgung sowie die rapide fortschreitende Digitalisierung der Branche tragen dazu bei, dass die Frage nach der „kritische Grösse“ wieder vermehrt auf die Strategieagenda der Verteilnetzbetreiber gesetzt wird.

Die Thematik der „kritischen Grösse“ ist jedoch nicht neu in der Schweiz. Bereits im Vorfeld der Einführung der Stromversorgungsgesetzgebung per 1. Januar 2008 wurde verbreitet diskutiert, welche minimale Grösse ein Verteilnetzbetreiber aus wirtschaftlicher Sicht haben muss, damit er langfristig selbständig überleben kann. So wurde z.B. vom Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE) die These aufgestellt, dass ein kommunaler Verteilnetzbetreiber ohne Aktivitäten in weiteren Sparten wie Gas und Wasser mindestens über 5‘000 Stromzähler verfügen sollte.(1)

Zur Überprüfung dieser These bietet sich ein Blick auf die aktuelle Struktur der schweizerischen Verteilnetzbetreiber an. Wenn die „kritische Grösse“ auch nach der Einführung der Stromversorgungsgesetzgebung von herausragender Wichtigkeit gewesen wäre, müsste für die letzten Jahre eine starke Konsolidierung festgestellt werden können. Die zur Verfügung stehenden Daten zeigen, dass sich die Anzahl der Verteilnetzbetreiber im Zeitraum von Januar 2009 bis Mai 2016 von 731 auf 653 reduziert hat. Im Verlauf von sieben Jahren ist die Anzahl somit um 78 bzw. 11% zurückgegangen.

Abbildung 1: Entwicklung der Anzahl der schweizerischen Verteilnetzbetreiber (2)

In den letzten Jahren hat wohl eine Konsolidierung im schweizerischen Strommarkt stattgefunden. Diese Konsolidierung verlief jedoch moderat und war geprägt von Gemeindefusionen oder personellen Nachfolgelösungen. Es bestand offenbar kein unmittelbarer Handlungsdruck zum Erreichen einer „kritischen Grösse“ und damit zu verbreiteten Unternehmenszusammenschlüsse.(3)  Nach wie vor existiert eine Vielzahl von kleinen Verteilnetzbetreibern, die die im Jahr 2005 vom VSE stipulierte Mindestgrösse von 5‘000 Stromzählern unterschreiten. Die Entwicklung zeigt auf, dass es auch gegenwärtig noch möglich ist, als kleiner Verteilnetzbetreiber erfolgreich im schweizerischen Strommarkt tätig zu sein. Die Thematik der „kritischen Grösse“ ist also differenzierter zu betrachten. Der vorliegende Artikel soll anhand eines Modells die Thematik beleuchten und Gedankenanstösse für die strategische Führung der Stromunternehmen liefern.

Grundlagen

Definition von Grössenvorteilen

Im Kontext der Thematik der „kritischen Grösse“ wird oft das Argument der Erzielung von Grössenvorteilen bzw. Skaleneffekten („economies of scale“) durch Wachstum wie bspw. durch Zusammenschluss von zwei oder mehreren Unternehmen geäussert. Was sind nun eigentlich Grössenvorteile? Grössenvorteile liegen vor, wenn eine proportionale Erhöhung des Inputs zu einer überproportionalen Erhöhung des Outputs führt.(4)  Für einen Verteilnetzbetreiber übersetzt heisst dies, dass er beim Betrieb eines doppelt so grossen Netzes weniger als die doppelten Kosten hat, indem er bspw. die (gleichen) Fixkosten auf eine grössere Menge verteilen kann. In der Theorie führt dies bei gleichen Erträgen zu tieferen durchschnittlichen Kosten und damit zu einem höheren Gewinn des Unternehmens bzw. einer höheren Rendite für den Eigentümer des Unternehmens.

Regulatorischer Rahmen

Mit der Inkraftsetzung der Stromversorgungsgesetzgebung per 1. Januar 2008 wurde die aktuelle „cost+“-Regulierung eingeführt. Diese gilt grundsätzlich sowohl für die Energielieferung an Endverbraucher mit Grundversorgung (vgl. Art. 6 StromVG i.V.m. Art. 4 StromVV) als auch für die Netznutzung (vgl. Art. 14 ff. StromVG i.V.m. Art. 12 und 13 StromVV). Im Falle der Energielieferung im Rahmen der Grundversorgung haben sich die Tarife an den Gestehungskosten einer effizienten Produktion und an langfristigen Bezugsverträgen zu orientieren.(5)  Im Falle der Netznutzung können die Verteilnetzbetreiber die Betriebs- und Kapitalkosten eines sicheren, leistungsfähigen und effizienten Netzes inkl. angemessenem Betriebsgewinn am Netznutzungsentgelt anrechnen. Der Betriebsgewinn resultiert durch die Verzinsung des eingesetzten Kapitals mit einem durchschnittlichen Kapitalkostensatz von aktuell 3.83%.(6)

Ergänzend festzustellen ist, dass neben der Anrechnung von Betriebs- und Kapitalkosten bzw. Gestehungskosten bereits der aktuelle Gesetzeswortlaut mehrfach auf die „Effizienz“ hinweist. Es ist also davon auszugehen, dass der Gesetzgeber auch beim „cost+“-Modell davon ausging, dass Ineffizienzen zu nicht anrechenbaren Kosten und damit zu Kostenkürzungen führen können. Die rechtliche Durchsetzbarkeit solcher Kostenkürzungen ist indes verhältnismässig schwierig und wurde bisher von der Regulierungsbehörde ElCom auch erst in Einzelfällen vorgenommen.

Viel eher in Richtung eines Einbezugs der Effizienz geht der Ansatz der Sunshine-Regulierung, welche im Rahmen von öffentlichen Kostenvergleichen Ineffizienzen von Verteilnetzbetreibern zumindest sichtbar machen und damit insbesondere auch den kundenseitigen Druck erhöhen soll.(7)

Die konsequenteste Form der Schaffung von Effizienzanreizen in der Regulierung wäre indes die Einführung einer Anreizregulierung. Diese Diskussion wird in der Schweiz spätestens ab diesem Herbst mit dem Start zur Vernehmlassung der Revision des Stromversorgungsgesetzes ein weiteres Mal aufgenommen werden. Eine Einführung ist jedoch zumindest in kurzer Frist und für kleine und mittlere Verteilnetzbetreiber heute politisch nicht absehbar. Dennoch – und das ist im Kontext der nachstehenden Darlegungen relevant – muss von einer mittelfristigen Einführung einer Anreizregulierung und damit von einer massiven Regulierungsverschärfung auch in der Schweiz ausgegangen werden. Insofern hat die Thematik der „kritischen Grösse“ und damit verbunden die Frage der betrieblichen Effizienz auch heute bereits hohe Relevanz.

Modell

Zwecks Beleuchtung der Thematik der „kritischen Grösse“ wird nachfolgend ein Modell verwendet. Ziel des Modells ist es, die hohe Komplexität der Thematik in der Realität zu reduzieren und unter Berücksichtigung der modellspezifischen Annahmen robuste Aussagen für eine Diskussion in der strategischen Führung der Stromunternehmen zu ermöglichen. Das Modell basiert auf folgenden vereinfachenden Annahmen:

  • Vollständiger Zusammenschluss (Fusion) von zwei identischen Verteilnetzbetreibern;(8),(9)
  • Ausschliessliche Berücksichtigung des vollständig regulierten Netzgeschäfts bzw. keine Berücksichtigung des teilweise regulierten Energie- und nicht regulierten Dienstleistungsgeschäfts;
  • Verteilnetzbetreiber sind ausschliesslich im Strombereich tätig bzw. es besteht kein Querverbund;
    Verteilnetzbetreiber sind ausschliesslich auf den Netzebenen 5 bis 7 tätig;
  • Berücksichtigung des aktuellen Regulierungsregimes bzw. keine Berücksichtigung einer allfälligen Weiterentwicklung der Regulierung (z.B. Einführung einer Anreizregulierung);
  • Regulatorische Spielräume (insbesondere WACC) werden in der Tarifgestaltung vollumfänglich ausgeschöpft;(10)
  • Alle Kosten sind anrechenbar bzw. es bestehen keine nicht-anrechenbaren Kosten;
  • Verteilnetzbetreiber sind vollständig eigenfinanziert bzw. es besteht kein verzinsliches Fremdkapital;
  • Verteilnetzbetreiber sind nicht steuerpflichtig;(11),(12)
  • Anlagen sind in einem „eingeschwungenen“ Zustand (kalkulatorischer Restwert beträgt 50% des Anschaffungswerts) und weisen eine durchschnittliche Nutzungsdauer von 30 Jahren auf;
  • Aufteilung der Netzerlöse in 30% Betriebskosten, 30% Kapitalkosten (19% Abschreibungen und 11% Verzinsung), 35% Kosten der vorgelagerten Netze und 5% Systemdienstleistungen.(13)

Die finanziellen Auswirkungen von Grössenvorteilen werden anhand eines konkreten Beispiels aufgezeigt. Zwei Verteilnetzbetreiber sind gezwungen, im nächsten Jahr ihre jeweils bestehenden Buchhaltungs- und Abrechnungssysteme abzulösen.(14)  Dies erfolgt im Rahmen ihres Zusammenschlusses mit gemeinsamen neuen Systemen. Die entsprechenden Investitionen betragen insgesamt CHF 250‘000 und werden über fünf Jahre (jährlich CHF 50‘000) abgeschrieben. (15) Die finanziellen Auswirkungen werden für fünf verschiedene Grössenkategorien von Verteilnetzbetreibern aufgezeigt, die sich anhand der Einwohnerzahl im Versorgungsgebiet bemessen.(16)  Der Absatz eines Unternehmens wird anhand des Verhältnisses von Stromendverbrauch (17)  und Bevölkerungszahl (18)  der Schweiz ermittelt.

Nutzen aus Sicht des Unternehmens

Aus Sicht des Unternehmens führt die Einführung eines neuen Systems anstelle von zwei neuen Systemen im aktuellen regulatorischen Regime „ceteris paribus“ dazu, dass die Kapitalbasis für die Verzinsung pro Unternehmen durchschnittlich um CHF 62‘500 geringer wird.(19) Multipliziert mit dem aktuellen WACC von 3.83% führt dies dazu, dass der Gewinn pro Unternehmen jährlich um durchschnittlich CHF 2‘394 geschmälert wird. Die aktuelle „cost+“-Regulierung hat somit den Effekt, dass die Erschliessung und Nutzung von Grössenvorteilen bei einer kurzfristigen, rein finanziellen Optik nicht „belohnt“, sondern sogar „bestraft“ wird. Ein Verteilnetzbetreiber hat daher heute aus regulatorischer Sicht keinen Anreiz, seine Kapitalbasis zu verringern, weil er dadurch ebenfalls sein Gewinnpotential reduzieren würde.

Dieser Effekt tritt übrigens auch auf, wenn ein Verteilnetzbetreiber seine Leistungen nicht selber erbringt, sondern von einem Dritten bezieht. In diesem Fall reduzieren sich die Abschreibungen (und die Kapitalbasis für die Verzinsung). Gleichzeitig erhöhen sich die Betriebskosten entsprechend. Dies kann unter Umständen auch einen Einfluss auf allfällige „make or buy“-Überlegungen der Verteilnetzbetreiber haben.(20)

Abschliessend muss aus Sicht des Unternehmens festgestellt werden, dass unter Berücksichtigung der gegenwärtigen regulatorischen Bedingungen keine akute Notwendigkeit für Wachstum bzw. für die Erzielung von Grössenvorteilen besteht. Entsprechend gibt es aus dieser Perspektive bei ausschliesslich finanziellen Überlegungen heute auch keine entsprechende „kritische Grösse“. Selbst kleine Verteilnetzbetreiber können grundsätzlich eigenständig funktionieren und entsprechende Gewinne erzielen. Inwiefern dies mittelfristig ebenfalls der Fall sein wird, ist aufgrund der angestrebten Weiterentwicklung der Regulierung indes fraglich.

Nutzen aus Sicht des Kunden

Anders sieht die Situation aus Sicht der Kunden aus. Die Einführung eines neuen Systems anstelle von zwei neuen Systemen führt im aktuellen regulatorischen Regime dazu, dass die Abschreibungen pro Unternehmen durchschnittlich um CHF 25‘000 geringer ausfallen.(21)  Zudem gehen die Netzkosten aufgrund des oben erwähnten Verzinsungseffekts durchschnittlich um CHF 2‘394 zurück. Insgesamt reduzieren sich die jährlichen Netzkosten (bzw. -erlöse) somit um CHF 27‘394. In Abhängigkeit der Unternehmensgrösse verringern sich entsprechend die durchschnittlichen Netztarife.

Abbildung 2: Mögliches Tarifeinsparpotenzial in Abhängigkeit der Unternehmensgrösse(22)

In der obigen Abbildung ist der Median der Tarife 2017 für das Profil H4 dargestellt.(23) Weiter sind für die fünf anhand der Einwohnerzahl im Versorgungsgebiet definierten Grössenkategorien die potentiellen Tarife sowie die jeweiligen Tarifeinsparpotenziale aufgezeigt. Aufgrund der Abbildung lassen sich zwei Grundaussagen machen:

  • Wie erwartet werden konnte, verläuft das Tarifeinsparpotenzial degressiv. Je grösser das Unternehmen, desto geringer das Potenzial. Dieser Effekt ist nicht erstaunlich, da die Kapitalbasis von Verteilnetzbetreibern für eine grosse Einwohnerzahl in der Regel grösser als von Verteilnetzbetreibern für eine kleine Einwohnerzahl ist und eine einheitliche Reduktion der Kapitalbasis wie im vorliegenden Beispiel bei grösseren Unternehmen verhältnismässig entsprechend weniger Gewicht hat.
  • Das Tarifeinsparpotenzial ist bei Verteilnetzbetreibern für eine eher grössere Einwohnerzahl im Vergleich zum Median faktisch unbedeutend. Grosse Verteilnetzbetreiber müssen entsprechend viel weitgehendere Massnahmen treffen, damit das Tarifeinsparpotenzial relevant ist. Eine punktuelle Anpassung der betrieblichen Strukturen, wie im vorliegenden Beispiel, genügt für eine relevante Tarifreduktion nicht.

Interessant ist auch die Frage, wie diese Tarifeinsparpotenziale zu den generellen Veränderungen der Netznutzungsentgelte im zeitlichen Verlauf stehen.

Abbildung 3: Mögliches Tarifeinsparpotenzial im Vergleich zur Entwicklung des Medians der Netztarife (24)

In der obigen Abbildung ist der Median der Tarife für das Profil H4 im zeitlichen Verlauf von 2009 bis 2017 dargestellt.(25)  Weiter ist jeweils die jährliche Veränderung des Medians aufgezeigt. Die Tarifeinsparpotenziale sind als Fläche dargestellt. Aufgrund der Abbildung lassen sich wiederum zwei Schlüsse ziehen:

  • Die Netznutzungsentgelte sind grundsätzlich stabil. Nichtsdestotrotz betragen die „natürlichen“ jährlichen Veränderungen der Netznutzungsentgelte gemessen am Median (absolut) zwischen 0.04 Rp./kWh und 0.64 Rp./kWh.(26) Es ist zu erwarten, dass diese Veränderungen für einen spezifischen Verteilnetzbetreiber tendenziell höher als beim Median ausfallen.
  • Die Tarifeinsparpotenziale in der Grössenordnung von -0.02 Rp./kWh bis -0.39 Rp./kWh (in Abhängigkeit der Grössenkategorie) liegen im Rahmen der „natürlichen“ jährlichen Veränderungen der Netznutzungsentgelte. Insbesondere bei den grösseren Kategorien der Unternehmen ist der Effekt der Tarifeinsparpotenziale kaum von der „natürlichen“ Tarifentwicklung zu unterscheiden. Das „Grundrauschen“ der Tarife ist grösser als das Tarifeinsparpotenzial einer einzelnen Massnahme.

Abschliessend lässt sich festhalten, dass im Gegensatz zu den Unternehmen selber die Kunden durchaus von den durch die Verteilnetzbetreiber erzielten Grössenvorteilen profitieren können. Damit die Auswirkungen aber für die Kunden spürbar sind, genügen insbesondere bei grösseren Verteilnetzbetreibern kleine Anpassungen in den Geschäftsaktivitäten nicht. Die Verteilnetzbetreiber müssen Grössenvorteile konsequent und umfassend nutzen, damit ihre Kunden von den resultierenden Tarifeinsparpotenzialen nachhaltig profitieren können. Dies kann wiederum dazu führen, dass aufgrund der damit verbundenen kleineren Kapitalbasis die Gewinne der Unternehmen selber geschmälert werden.

Qualitative Effekte

Aufgrund des aktuellen regulatorischen Umfelds kann die Erzielung von Grössenvorteilen den Kunden zwar günstigere Tarife verschaffen. Die Verteilnetzbetreiber können aber gegenwärtig nicht von höheren Gewinnen profitieren. Im Kontext eines Zusammenschlusses von Verteilnetzbetreibern sind daher neben den rein finanziellen Überlegungen auch andere Motive insbesondere in personeller Sicht zu würdigen (keine abschliessende Aufzählung):

  • Know-how: Bei vielen kleineren Verteilnetzbetreibern ist das Know-how auf wenige Personen konzentriert. Diese können selbstredend nicht das heutzutage erforderliche Spezialistenwissen für alle betrieblichen Aktivitäten haben. Bei grösseren Verteilnetzbetreibern kann das erforderliche Spezialistenwissen nach dem Prinzip der Arbeitsteilung umfassender intern sichergestellt werden.
  • Auslastung: Kleinere Verteilnetzbetreiber stehen oft vor der Herausforderung, dass je nach Investitionstätigkeit das Personal nicht gleichmässig ausgelastet werden kann. Dieser Effekt kann bei grösseren Verteilnetzbetreibern mit einer entsprechend grösseren Mitarbeiterbasis einfacher geglättet und das Personal kann gleichmässiger ausgelastet werden.
  • Rekrutierung: Kleinere Verteilnetzbetreiber haben zunehmend Mühe, qualifiziertes Personal zu rekrutieren. Beispielsweise gestaltet sich die Rekrutierung von Netzelektrikern zunehmend schwieriger. Grössere Verteilnetzbetreiber haben diesbezüglich Vorteile, indem sie den Mitarbeitenden verschiedenste Karriereperspektiven eröffnen können. Ein Spezialfall in diesem Kontext ist die Nachfolgeregelung des Betriebsleiters.
  • Kontrolle: In der Regel arbeiten kleinere Verteilnetzbetreiber umfassend und eng mit Dienstleistern zusammen (z.B. Energiedatenmanagement, geografisches Informationssystem, Engineering). Die selbständige Ausführung dieser Tätigkeiten lohnt sich in der Regel finanziell erst ab einer bestimmten Grösse. Grössere Verteilnetzbetreiber haben die Möglichkeit, diese Arbeiten selbständig auszuführen. Sie können auf ihre eigenen Geschäftsaktivitäten entsprechend stärkeren Einfluss nehmen und sind weniger von Dritten abhängig.
  • Professionalisierung: Während bei kleineren Verteilnetzbetreibern die betrieblichen Aktivitäten oft einfach und pragmatisch gehandhabt werden, werden diese bei grösseren in der Regel systematisch und „professionell“ durchgeführt. Beispiele hierzu sind die Arbeitsausführung gemäss definierten und beschriebenen Prozessen und die durchgängige systemtechnische Unterstützung statt Verwendung von Excel-Lösungen. In diesem Kontext ist jedoch zu beachten, dass eine zunehmende „Professionalisierung“ oft kostentreibend wirkt.
  • Positionierung: Mit zunehmender Grösse steigt in der Regel auch die Bedeutung des Unternehmens in der Branche bzw. das Gewicht in der öffentlichen Wahrnehmung. Das Unternehmen hat vermehrt die Möglichkeit, sich im politischen Meinungsbildungsprozess einzubringen und dadurch die Rahmenbedingungen gemäss den eigenen Bedürfnissen mitzuprägen.

Die Erzielung von Grössenvorteilen ist oft jedoch auch mit der Inkaufnahme gewisser Grössennachteile verbunden. Im Kontext eines Zusammenschlusses von Verteilnetzbetreibern sind auch diese nicht minder relevanten Grössennachteile bewusst anzugehen (keine abschliessende Aufzählung):

  • Komplexität: Grössere Verteilnetzbetreiber weisen naturgemäss eine höhere Komplexität auf als kleinere Verteilnetzbetreiber. Ein Beispiel hierzu sind die Betriebsstandorte. Während kleine Verteilnetzbetreiber lokal an einem Standort organisiert sind, ist bei grossen Verteilnetzbetreibern ein entsprechendes Standortkonzept zu entwickeln und einzuführen. Dieses muss sicherstellen, dass die Wegstrecken und -zeiten für das ganze Netzgebiet wirtschaftlich optimiert sind. Bei weniger Standorten sind die Wegstrecken und -zeiten grösser, bei mehr Standorten sind diese entsprechend kleiner.
  • Kundennähe: Während kleinere Verteilnetzbetreiber lokal verankert sind („Gemeindewerke“), trifft dies bei grösseren Verteilnetzbetreibern nur bedingt zu. Die Kommunikation zwischen Unternehmen und Kunden hat ganz andere Ausprägungen. Bei kleineren Verteilnetzbetreibern ist das Personal oft den Kunden persönlich bekannt. Bei grösseren Verteilnetzbetreibern verläuft die Kommunikation vielfach anonymer.
  • Eigenständigkeit: Durch einen Zusammenschluss von Verteilnetzbetreibern geht die Eigenständigkeit der involvierten Unternehmen verloren. Der Eigentümer kann nicht mehr selbständig alle Entscheidungen im Unternehmen fällen. Im Falle eines Verkaufs gibt er die Selbstbestimmung vollständig ab, im Falle einer Fusion ist auf die Befindlichkeiten des Partners bzw. des Miteigentümers entsprechend Rücksicht zu nehmen.

Fazit

Die schweizerischen Verteilnetzbetreiber haben unter Berücksichtigung der aktuellen regulatorischen Rahmenbedingungen (noch) keine direkten finanziellen Anreize für die Erzielung von Grössenvorteilen. Ein Zusammenschluss von Verteilnetzbetreibern kann zwar für die Kunden aufgrund der erzielbaren Tarifeinsparpotenziale (leicht) vorteilhaft sein, doch für die Unternehmen selber resultiert durch einen Zusammenschluss kein höherer Gewinn.

Eine rein finanzielle Argumentation für einen Zusammenschluss ist somit gegenwärtig noch nicht stichhaltig. Die mittelfristige Weiterentwicklung der Regulierung dürfte aber auch dies zunehmend ändern und finanzielle Vorteile für effiziente Verteilnetzbetreiber mit sich bringen. Zudem ist die betriebliche Effizienz für viele Verteilnetzbetreiber mit weiteren Aktivitäten in wettbewerbsintensiven Märkten (insbesondere Dienstleistungen) auch unabhängig von der Regulierung entscheidend. Im Kontext des regulierten Verteilnetzes sind schon heute qualitative Argumente, insbesondere im personellen Bereich, überzeugend. Beispielsweise haben die Unternehmen mit zunehmender Grösse einfacheren Zugang zu spezialisiertem Know-how, können ihr Personal gleichmässiger auslasten und haben auf dem Arbeitsmarkt bessere Chancen zur Rekrutierung von Fachpersonal. Diese Auswirkungen eines Zusammenschlusses sind ebenfalls in die Überlegungen mit einzubeziehen.

Eine einfach festzulegende, „kritische Grösse“ für Verteilnetzbetreiber in der Schweiz existiert im aktuellen regulatorischen Regime also (noch) nicht. In Abhängigkeit der Entwicklung des Strommarktes im Allgemeinen und der schweizerischen Regulierung im Speziellen dürfte diese Feststellung jedoch zukünftig zu revidieren sein. Insbesondere im Kontext einer fortschreitenden Liberalisierung sowie eines mittelfristigen Systemwechsels von der „cost+“-Regulierung zu einer Anreizregulierung muss diesem Aspekt schon jetzt gebührend Beachtung geschenkt werden. Eine Diskussion in der strategischen Führung zur konsequenten und nachhaltigen Realisierung von Grössenvorteilen in Erwartung zukünftig neuer regulatorischer Rahmenbedingungen muss bereits heute geführt werden.

Artikel zum Download

Kritische Grösse von VNB

Verweise

(1) Sonderegger; „Minimale wirtschaftliche Grösse von EVU“; Bulletin SEV/VSE 20/05; 2005.
(2) Swissgrid AG; https://www.swissgrid.ch/swissgrid/de/home/reliability/griddata/distribution.html; Stand per 31. März 2017.
(3) EVU Partners AG; „Verkauf von Schweizer Verteilnetzbetreibern als strategische Option“; 19. August 2016.
(4) Springer Gabler; http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/economies-of-scale.html; Stand per 31. März 2017.
(5) EVU Partners AG; „Bundesgericht bestätigt die ElCom-Praxis hinsichtlich der Grundversorgung“; 17. August 2016.
(6) Der gewichtete Kapitalkostensatz („weighted average cost of capital“ / WACC) wird vom Eidgenössischen Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UEVK) jährlich festgelegt. Er beträgt für das Jahr 2017 und das Jahr 2018 je 3.83% (vgl. Medienmitteilungen vom 23. Februar 2016 und vom 21. Februar 2017).
(7) EVU Partners AG; „Erste Benchmark-Ergebnisse im Rahmen der Sunshine-Regulierung mit beschränkter Aussagekraft“; 7. August 2015.
(8) Jeder Verteilnetzbetreiber hat eine spezifische Kostensituation in Abhängigkeit einer Vielzahl von Einflussfaktoren wie bspw. die geografische Lage und die Netztopologie. Die Auswirkungen eines Zusammenschlusses von zwei unterschiedlichen Netzen sind im konkreten Fall zu ermitteln.
(9) EVU Partners AG; „Erfüllte der aktuelle Stand der Sunshine-Regulierung die an sie gestellten Anforderungen?“; 25. November 2016.
(10) EVU Partners AG; „Unselbständige öffentlich-rechtliche Verteilnetzbetreiber im Spannungsfeld von Markt und Politik“; 30. April 2014.
(11) Dies gilt bspw. für unselbständige öffentlich-rechtliche Unternehmen („Gemeindewerke“) sowie ganz oder teilweise je nach Kanton auch bei anderen Rechtsformen.
(12) EVU Partners AG; „Steuerpflicht von Schweizer Energieversorgern“; 29. März 2017.
(13) Erfahrungswerte der EVU Partners AG.
(14) Die kalkulatorischen Restwerte der bestehenden Systeme betragen Null.
(15) Erfahrungswerte der EVU Partners AG.
(16) Definition der Grössenkategorien: 1 = 1‘000 Einwohner, 2 = 2‘000 Einwohner, 3 = 4‘000 Einwohner, 4 = 8‘000 Einwohner und 5 = 16‘000 Einwohner.
(17) Bundesamt für Energie (BFE); „Schweizerische Elektrizitätsstatistik 2015“; 2016.
(18) Bundesamt für Statistik (BFS); „Die Bevölkerung der Schweiz 2015“; 2016.
(19) Investition von CHF 250‘000, halbe Nutzungsdauer von 5 Jahren und zwei betroffene Unternehmen.
(20) EVU Partners AG; „‘make or buy‘ als zentrale Frage im Rahmen von Effizienzüberprüfungen bei EVU“; 19. August 2016.
(21) Jährliche Abschreibung von CHF 50‘000 und zwei betroffene Unternehmen.
(22) Eidgenössischen Elektrizitätskommission ElCom; https://www.elcom.admin.ch/elcom/de/home/themen/strompreise/tarif-rohdaten-verteilnetzbetreiber.html?lang=de; Stand per 1. April 2017; eigene Berechnungen.
(23) Profil H4: 4’500 kWh/Jahr: 5-Zimmerwohnung mit Elektroherd und Tumbler (ohne Elektroboiler).
(24) Eidgenössischen Elektrizitätskommission ElCom; https://www.elcom.admin.ch/elcom/de/home/themen/strompreise/tarif-rohdaten-verteilnetzbetreiber.html?lang=de; Stand per 1. April 2017; eigene Berechnungen.
(25) Profil H4: 4’500 kWh/Jahr: 5-Zimmerwohnung mit Elektroherd und Tumbler (ohne Elektroboiler).
(26) Die jährlichen Veränderungen des Mittelwertes betragen zwischen 0.04 Rp./kWh und 0.68 Rp./kWh.


Über den Autor
Author
Ich beschäftige mich hauptsächlich mit Strategieentwicklung und Organisationsoptimierungen sowie Rechtsformänderungen.

Weitere Beiträge von diesem Autor