„Make or Buy“ als zentrale Frage in der Effizienzüberprüfung von EVU

Relevanz von Kosten- und Prozesseffizienz

Die aktuelle „Cost+“-Regulierung gemäss dem Stromversorgungsgesetz (StromVG) für Netzbetreiber und Grundversorger hat einen zentralen Nachteil: Die betroffenen Energieversorgungsunternehmen (EVU) haben nur begrenzte extrinsische Anreize sich kosteneffizient zu verhalten bzw. konkret Kosteneinsparungen zu realisieren. Dies führt gemäss Regulierungstheorie dazu, dass die „Cost+“-Regulierung zwar effizient umsetzbar, jedoch im Ergebnis nicht effektiv ist und volkwirtschaftlich gesehen in zu hohen Kosten (bzw. Tarifen) resultiert.

Dieses Grundproblems des gewählten Regulierungsmodells war sich der Gesetzgeber indessen bewusst. Entsprechend wurde im Wortlaut des StromVG die Kosteneffizienz an verschiedenen Stellen explizit und zusätzlich als Bedingung zur Anrechenbarkeit von Kosten berücksichtigt bzw. die ElCom zu zusätzlichen Effizienzvergleichen ermächtigt.(1)

Vor diesem Hintergrund ist die ElCom seit rund zwei Jahren daran die bestehende „Cost+“-Regulierung mit einer „Sunshine“-Regulierung zu erweitern.(2) Dabei sollen unter anderem auch ausgewählte Kostenvergleiche von Netzbetreibern öffentlich gemacht werden. Dies soll im Sinne von „shame & blame“ dazu führen, dass Netzbetreiber unter dem Druck der Öffentlichkeit (konkret ihrer Kunden und ihrer Eigentümer) allfällige Ineffizienzen zu vermeiden versuchen.

Letztlich führen auch andere Rahmenbedingungen, wie die aktuell tiefen Strompreise bei den Grundversorgern mit eigener Produktion, die neuste Rechtsprechung des Bundesgerichts bezüglich der Weitergabe von Preisvorteilen in der Grundversorgung (3) oder die sinkenden Gewinne infolge tieferer, zulässiger Kapitalverzinsung im Netz, zu erhöhtem Druck bei EVU.

Daher gewinnen die Themen Kosteneinsparungen (gleicher Output bei tieferen Kosten) einerseits sowie Prozessoptimierungen (Erhöhung Output bei gleichbleibenden Kosten) andererseits erheblich an Relevanz. Dies nicht nur bei den grossen EVU, welche insbesondere stark unter dem Verfall des Strompreises leiden, sondern zunehmend auch bei kleineren und mittleren Versorgern. An dieser Stelle ist festzuhalten, dass kleine und mittlere EVU nicht per se als ineffizient dargestellt werden sollen. Vielmehr war die Thematik der Kosteneffizienz bei diesen EVU in der Vergangenheit eine Frage der Unternehmenskultur und entsprechend intrinsisch motiviert. Zugunsten ihrer Endkunden betreiben viele EVU in der Schweiz bis heute sehr schlanke Strukturen. Dieses Modell, insbesondere im Kontext von Milizorganisationen, wird aber durch die steigenden Anforderungen und durch die steigende Professionalisierung zunehmend erschwert, so dass sich auch bei kleinen und mittleren EVU vermehrt die Frage von „Make or Buy“ stellt.

Outsourcing der Buchhaltung als typische Schweizer KMU-Lösung

Die letzte Ausgabe der Schweizer KMU Studie mit den provisorischen Zahlen 2013 des Bundesamtes für Statistik (BfS) bestätigt, dass die Zahl der KMU die Schweizer Unternehmenslandschaft auch weiterhin dominiert.(4) Dabei werden Mikro- (bis 9 Mitarbeitende), Klein- (bis 49 Mitarbeitende) und Mittelunternehmen (bis 249 Mitarbeitende) von den Grossunternehmen differenziert. Innerhalb der Strombranche zeigt sich, dass schweizweit als Mittelunternehmen definierte Betriebe mit bis zu 249 Mitarbeitenden für den Schweizer Energiemarkt bereits verhältnismässig grössere EVU (z.B. grössere Stadtwerke) darstellen, welche den überwiegenden Teil ihrer Prozesse inhouse bewältigen können und aufgrund ihrer Grösse auch Potenzial für Kosteneinsparungen und Prozessoptimierungen haben.

Für Mikro- und Kleinunternehmen stellt sich hingegen das Problem, dass die internen Möglichkeiten aufgrund der Grösse stark limitiert sind. Entsprechend relevant ist die Frage nach „Make or Buy“. Die Buchhaltung oder die Informatik von Schweizer KMU sind dabei klassische Beispiele, wo sich dank Treuhandunternehmen und Informatikanbietern seit Jahrzehnten eine kosten- und prozesseffiziente Struktur im Zusammenspiel von Betrieb („Make“) und Dienstleister („Buy“) etabliert hat. So bestehen heute nur wenige Mikrounternehmen in der Schweiz, welche sich eine eigene Buchhaltungsabteilung „leisten“. Bei Kleinunternehmen wird die Buchhaltung in der Regel in Zusammenarbeit mit externen Treuhändern erbracht, um trotz begrenzter Grösse von Skaleneffekten profitieren zu können.

Bei EVU ist diese Situation grundsätzlich vergleichbar, jedoch in der Ausprägung aufgrund bestehender Strukturen (z.B. innerhalb von Gemeinden oder im Milizsystem) und zusätzlichen Prozessen teilweise differenziert. So konnten bis heute, nicht zuletzt auch aufgrund fehlender finanzieller Wesentlichkeit, viele kleine und mittlere EVU fast alle ihre Prozesse, auch die Supportprozesse wie Buchführung oder Informatik, „inhouse“ erbringen und zu diesem Zweck eigene Systeme betreiben. Analog zu anderen KMU mit Kosten- und Effizienzdruck, wird jedoch die Fokussierung der EVU auf deren Kernkompetenzen und Kernprozesse wichtiger, um den optimaler Einsatz der eigenen Ressourcen sicherzustellen. Entsprechend gilt es gerade für kleine und mittlere EVU mehr denn je die eigene Prozesslandkarte zu hinterfragen und die Frage nach „Make or Buy“ aktiv zu stellen.

Abbildung 1: Exemplarische Prozesslandkarte eines Verteilnetzbetreibers mit internen und ausgelagerten Prozessen

Webbasiertes Treuhandmodell als Erfolgsgeschichte

Vor diesem Hintergrund hat sich die EVU Treuhand AG, ein Joint-Venture der EVU Partners AG mit der Treuhandgesellschaft Schenker & Partner AG, zum Ziel gesetzt, auch für kleine und mittlere EVU das Outsourcing des Finanz- und Rechnungswesen sowie einem wesentlichen Teil der Informatik möglich zu machen.(5)

In der Vergangenheit war dieses Modell bei kleinen und mittleren Energieversorgern nur wenig verbreitet, da mit der Buchhaltung zusätzliche, branchenspezifische Anforderungen verbunden sind, welche ein Treuhänder per se nicht anbieten konnte. Dies betrifft insbesondere die gesamte Energieverrechnung sowie die spezifischen Anforderungen an die Kosten-, Projekt- und Anlagerechnung im Rahmen der Regulierung. Entsprechend ist das Rechnungswesen noch heute bei vielen kleinen und mittleren EVU eine Funktion mit eigenem (Teilzeit-) Personal oder wird im Milizsystem vor Ort erbracht. Oftmals sind kleine und mittlere EVU auch als unselbstständige Gemeindewerke organisiert, deren Buchhaltung in der Gemeindebuchhaltung integriert und von der gemeindeeigenen Finanzabteilung sichergestellt wird.

Mit den in den letzten Jahren stetig gestiegenen Anforderungen seitens der Regulierung (zum Beispiel bez. Kostennachweisbarkeit oder bez. Anlagenbuchhaltung) sowie der höheren Relevanz der finanziellen Unternehmensführung (zum Beispiel bez. Rentabilität und Margensituation oder bez. Kostentreiber) stossen insbesondere bei kleineren EVU die bestehenden Lösungen mit eigenem (Teilzeit-) Personal oder im Milizsystem an ihre Grenzen. In der Regel ist es einem kleinen EVU ohne unverhältnismässige Kostenfolgen nicht möglich, genügend qualifiziertes Personal mit entsprechenden Pensen anzustellen, um ein voll funktionsfähiges Finanz- und Rechnungswesen inklusive Stellvertreterregelungen sicherzustellen.

Mit dem innovativen Webtreuhandmodell für EVU ist es der EVU Treuhand AG in den letzten Jahren gelungen, diese Lücke in der Dienstleistungspalette für EVU zu schliessen. Kleinere und mittlere EVU können, wie andere Schweizer KMU dies längst tun, ihre Buchhaltung an spezialisierte und branchenerfahrene Treuhänder outsourcen ohne dabei die Eigenständigkeit in ihren Kernprozessen zu verlieren. Das webbasierte Treuhandmodell basiert auf der Branchenstandardlösung ABACUS und IS-E, wobei beide Softwares ortsunabhängig in einem Rechenzentrum betrieben werden. Das EVU kann dabei seine „Make or Buy“-Entscheidungen differenziert, d.h. pro Teilapplikation vornehmen. Soll z.B. die Kreditorenverbuchung mit eigenem Personal vor Ort erfolgen oder soll dies der Treuhänder vornehmen? Ist der Inkassoprozess infolge der spezifischen Möglichkeiten des Netzbetreibers (persönliche Kontaktnahme, Installation Münzzähler, Stromabstellen) eine Tätigkeit des EVU vor Ort oder soll diese Aufgabe der Treuhänder als neutrale Inkassostelle wahrnehmen? Hier sind zahlreiche Kombinationsmöglichkeiten in der Zusammenarbeit zwischen eigenem Personal und dem Dienstleister möglich (und bei Bedarf auch veränderbar). Abbildung 2 zeigt mögliche Ausprägungen am Beispiel der Finanz- und Betriebsbuchhaltung.

Abbildung 2: Spezifikation des „Make or Buy“ am Beispiel Finanz- und Betriebsbuchhaltung

In den letzten Jahren hat EVU Treuhand AG mehrere EVU basierend auf ihren individuellen „Make or Buy“-Entscheidungen unterstützen dürfen. Neben Produktions- und Dienstleistungsgesellschaften mit spezifischen Anforderungen an die Kosten-, Projekt- und Anlagenrechnung zählen mittlerweile mehrere integrierte EVU, teilweise auch kleinere Querverbundunternehmen, zu ihren Kunden. Bei den integrierten EVU zeichnet sich als „Standard“ ab, dass das EVU die Hoheit über die Kernprozesse im Kontext der Energieverrechnung und des CRM hat (primär Software IS-E), während die Treuhänder die eigentliche Buchführung in Finanz-, Betriebs- und Anlagenbuchhaltung sicherstellen. Die Projektrechnung mit Investitions-, Kunden- und Innenaufträgen ist dabei die zentrale Schnittstelle zwischen EVU und Treuhänder. Die Mitarbeitenden des EVU erfassen ihre Leistungen (Stunden, Material) auf den entsprechenden Projekten, z.B. neu auch mittels mobilen Endgeräten über ABAClik, die Treuhänder stellen die Aktivierung und die korrekte Verbuchung auf der Grundlage der automatisierten Projektabrechnung gemäss Angaben des EVU sicher. Während die Erstellung von Zwischen- und Jahresabschlüssen Kernaufgabe der dafür spezialisierten Treuhänder ist, konzentrieren sich die jeweiligen Verantwortlichen der EVU auf Stufe Betriebsleitung und Verwaltungsrat auf das Controlling und die finanzielle Führung.

Hinsichtlich der Kosten zeigt sich nach mehreren Pilotprojekten, dass der Zeitbedarf der Einführung durch den hohen Standardisierungsgrad sowie die Anfangsinvestitionen durch das attraktive Treuhandlizenzmodell im Bereich ABACUS deutlich tiefer sind als bei einer vollständigen „Inhouse“-Lösung. Hinsichtlich des Betriebs sind die Treuhandkosten stark von der Aufgabenteilung sowie von den Anforderungen (z.B. Häufigkeit der Zwischenabschlüsse, Teilnahme an Sitzungen, Reaktionszeiten) abhängig. Da oftmals die Anforderungen mit neuen Lösungen steigen bzw. neue Bedürfnisse entstehen können, sind Vergleiche mit historischen Kostensituationen schwierig. Jedoch zeigt sich auch bei einem hohem Auslagerungsgrad im Bereich ABACUS und verhältnismässig hohen Anforderungen an die finanzielle Unternehmensführung, dass die jährlichen Kosten eine alternative Anstellung eines qualifizierten eigenen Buchhaltungsmitarbeitenden nachhaltig unterschreiten.

Das Beispiel zeigt, dass somit auch das Rechnungswesen ein Thema für „Make or Buy“-Entscheidungen ist und sich diese Frage nicht auf die bereits vielfach ausgelagerten Prozesse wie EDM oder Regulierungsmanagement beschränkt. Insofern ist davon auszugehen, dass künftig vermehrt kleine und mittlere EVU solche und ähnliche Lösungen nutzen dürften. Den Unternehmen ist zu empfehlen bei entsprechenden (Software-)Evaluationen oder im Rahmen von Effizienzüberprüfungen solche neue Lösungen, welche nicht zuletzt mit der immer stärkeren Digitalisierung der Prozesse möglich werden, konkret zu prüfen.

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„Make or Buy“ als zentrale Frage im Rahmen der Effizienzüberprüfung von EVU

Verweise

(1) Zum Beispiel in Art. 15 Abs. 1 StromVG: „Als anrechenbare Kosten gelten die Betriebs- und Kapitalkosten eines sicheren, leistungsfähigen und effizienten Netzes.“ Oder in Art. 19 Abs. 1 StromVV: „Zur Überprüfung der Netznutzungstarife und -entgelte sowie der Elektrizitätstarife führt die ElCom Effizienzvergleiche zwischen den Netzbetreibern durch. […].“

(2) Vgl. EVU Partners AG (2015) Erste Benchmark-Ergebnisse im Rahmen der Sunshine Regulierung mit beschränkter Aussagekraft. Erhältlich unter www.evupartners.ch.

(3) Vgl. EVU Partners AG (2016) Bundesgericht bestätigt die ElCom-Praxis hinsichtlich der Grundversorgung. Erhältlich unter www.evupartners.ch.

(4) Vgl. Universität St. Gallen KMU HSG (2016). KMU Zahlen. Erhältlich unter www.kmu.unisg.ch/de/forschung+und+publikationen/kmu/kmu-zahlen.

(5) Vgl. EVU Treuhand AG (2013), EVU Treuhandsystem; erfolgreiche Einführung der branchenspezifischen Webtreuhandlösung bei zwei Pilotkunden. Erhältlich unter www.evupartners.ch bzw. www.evutreuhand.ch.


Über den Autor
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Ich beschäftige mich hauptsächlich mit Regulierungsmanagement, Transaktionsbegleitung, betrieblichem Rechnungswesen und Rechtsformänderungen. Als Experte und Gutachter bin ich für Energieversorger einerseits sowie für Verbände und Behörden andererseits tätig.

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