Mitarbeiterausflug 2019

Von Geheimnisträgern und überlieferter Handwerkskunst

Geheimnisse haben im Appenzell grosse Tradition. Das wissen Herr und Frau Schweizer spätestens seit der Werbekampagne für den Appenzeller Käse, dessen «Geheimrezeptur» der Schauspieler Uwe Ochsenknecht über Jahre hinweg vergebens zu ergründen suchte. Aber die Geheimniskrämerei beschränkt sich keineswegs auf Molkereien, wie wir kurz nach unserer Ankunft im beschaulichen Hauptort des Halbkantons feststellen mussten.

Als erster Programmpunkt unseres diesjährigen Mitarbeiterausflugs fand eine Betriebsbesichtigung des Appenzeller Alpenbitters statt. Nach einem kurzen Informations- bzw. Werbefilm, der noch den Geist der 80er atmete und für schmunzelnde Gesichter sorgte, konnten wir die Produktionsstätte mit ihren grossen Edelstahltanks bewundern. Im Kontrast zum sterilen optischen Eindruck umwehte uns der würzige Duft der verschiedenen Kräuter, deren Inhaltsstoffe in einem Prozess namens Mazeration für den Alpenbitter verwertbar gemacht werden und die in einer eigens für die Touristen eingerichteten Kräuterkammer gezeigt werden. Diese ist allerdings nicht zu verwechseln mit der eigentlichen Kräuterkammer, in der die zwei Geheimnisträger – die aus der Familie der Eigentümer zu stammen haben – ihre streng geheime Kräutermischung zusammenstellen. Diese beiden Personen sind die einzigen, die Zugang zu den Rezepturen der Kräutermischungen haben. Ob es einen «Designated Survivor» gibt, ist der Autorin nicht bekannt.

Gestärkt durch die obligate Degustation des Alpenbitters am Ende der Führung ging’s mit dem Zug ein Stück weiter nach Wasserauen, wo uns unser Reiseleiter die Wahl liess zwischen einer gemütlichen Fahrt mit der Luftseilbahn auf die Ebenalp oder einer 1,5-stündigen Wanderung mit demselben Ziel. Gruppendruck sei Dank entschied man sich einstimmig für die Wanderung (schliesslich galt es, die Energie, die uns der Alpenbitter verliehen hatte, sinnvoll in die Muskulatur einfliessen zu lassen). Mit der Nase am Hang ging’s nun also tapfer bergauf, unbeirrt vom Kopfschütteln einer etwas betagteren Berggängerin, die verständnislos vor sich hinmurmelte: «Worum toet mer sich das aa? Es hät doch es Bähnli!».

Kurz vor 18 Uhr hatten dann schliesslich alle das Berggasthaus Ebenalp erreicht und genossen dort ein kühles Quöllfrisch sowie einen herrlichen Ausblick auf den Säntis.

Der Abend verging rasch bei gutem Essen und beim gemeinsamen «Meiern» (für passionierte «Meier»-Spieler: Die «62» liegt in der Mitte aller möglichen Ergebnisse der beiden Würfel. Je später der Abend, desto unbedeutender wurde jedoch die Wahrscheinlichkeitsrechnung).

Nach einem nahrhaften Älpler-Frühstück marschierten wir am nächsten Morgen zeitig wieder los. Über eine ausgedehnte Karststeinhöhle, die bereits in der Altsteinzeit von Menschen (und von sich vegetarisch ernährenden Höhlenbären!) bewohnt war, erreichten wir das Wildkirchli, eine Höhlenkapelle, die 1621 von einem Kapuzinerpater gegründet wurde und über Jahrhunderte eine besondere Anziehungskraft ausübte. Der Wanderweg führte uns weiter dem Felshang entlang, über eine hölzerne Galerie zum Berggasthaus Äscher, das sich eng an den Felsen schmiegt und das uns tags zuvor bereits von zahlreichen Alpenbitteretiketten entgegengeblickt hatte.

Seit das Gasthaus 2015 im National Geographic als «schönster Ort der Welt» bezeichnet worden war und es zudem den Einband des Buches mit dem vollmundigen Titel «Destinations of a Lifetime» schmückte, kann sich das kleine Gasthaus vor Besuchern aus aller Welt kaum noch retten. Bereits zu dieser recht frühen Stunde – es war 10 Uhr morgens – war die Terrasse des Gasthauses gut besetzt. Nach ein paar Erinnerungsfotos ging es für uns jedoch schon weiter. Schliesslich galt es noch gut 800 Höhenmeter zu verlieren, bis wir bei unserer Mittagsdestination, dem Seealpsee, angekommen waren. Dieser bot uns ebenfalls eine prächtige Kulisse für schöne Erinnerungsfotos und war dabei weit weniger von  Touristen überlaufen als das Äscher, dessen bisheriges Wirtepaar den Preis für den Ruhm bezahlte und den Pachtvertrag 2018 kündigte.

Nach einer raschen Verpflegung im Gasthaus Forelle ging es zurück nach Appenzell. Dieses Mal war jedoch kein Bahntransport vorgesehen, sondern wir radelten in Zweiergruppen auf gemieteten Tandems. Das Tandemfahren erwies sich als spannende «Teambildungs»-Einlage, mussten doch Geschwindigkeit, Richtungswechsel und Drehzahl gut untereinander abgesprochen sein. Einige (u.a. der Autorin) genossen den Ausflug auf dem Tandem und freuten sich über den Zusatzantrieb, der sich beim Bergauffahren zum höher gelegenen Sammelplatz als durchaus nützlich erwies. Der betroffene Beifahrer mochte auf die Äusserung «Hey, das isch ja fascht wie ufem E-Bike» nichts erwidern, aber das dichte Netz von Schweissperlen, das sich über dessen Stirn spannte, sprach Bände.

Zum Verschnaufen blieb nach der Ankunft auf dem Sammelplatz jedoch kaum Zeit. Vielmehr galt es, die Hände zu waschen, Plastikschoner über die Wanderschuhe zu ziehen und eine modisch nicht ganz einwandfreie Plastikschürze umzubinden. Denn in der folgenden Stunde durften wir nach einer kurzen Instruktion einen eigenen gefüllten Appenzeller Biber kreieren und diesen später auch nach Hause nehmen und mit der Familie verspeisen.

Das Inhaberpaar Fässler, das die Landbäckerei in der 3. Generation führt, griff uns dabei tatkräftig unter die Arme, während sie uns anekdotenhaft an ihrer persönlichen Erfolgsgeschichte teilhaben liessen. Während die Biber mit Gummi Arabicum bepinselt und gebacken wurden, durften wir einige Ingredienzien (u.a. Honig, Nelken, Zimt, Rosenwasser) des Bibers erraten und begutachten. Gewisse Zutaten wollte man hingegen nicht preisgeben, was uns nach der Alpenbitterführung am Vortag nicht mehr wirklich überraschte.

Mit frischem Elan ging es nach dieser Episode zurück auf’s Tandem und den Hügel hinunter nach Appenzell, wo wir ca. 1,5 Stunden ganz nach unserem Gutdünken zubringen durften. Selbstverständlich hätten wir die Freistunde laut Tagesplan für einen «Rundgang durch Appenzell» oder eine «sportliche Aktivität» nutzen können. Da wir aber bezüglich beidem keine besonders hohe Affinität verspürten und uns zudem noch ein obligater Programmpunkt bevorstand, entschieden wir uns für eine wohlverdiente Erfrischung in einer Gartenwirtschaft.

Frohgemut ging es darauf weiter ins «Zunfthaus zu Appenzell», wo sich ein Schuhmacher, eine Floristin, ein Kunstschreiner, eine Zinngiesserin und ein Bauernmaler unter einem Dach zu einer Zunft des Kunsthandwerks zusammengetan haben – und dies, obwohl Appenzell historisch betrachtet gar nie über Zünfte verfügt hat. Durch die Vereinigung verschiedener traditioneller Handwerkswerkstätten in einem Haus an zentraler Lage können Synergien ideal genutzt und nebenbei vermutlich auch die Kosten sinnvoll aufgeteilt werden. Das Zunfthaus soll als Treffpunkt interessierten Besuchern offenstehen, die den Kunsthandwerkern bei ihrer Arbeit über die Schultern schauen dürfen.

Genau das taten wir bei Sybille Bichsel, die uns in ihrer schmalen Werkstatt voller vorindustrieller Werkzeuge und Apparaturen in ein paar Grundlagen des Zinngiessens einweihte. Selbstverständlich blieb das heikle Mischungsverhältnis der verschiedenen Bestandteile geheim, schliesslich sind in Appenzell auch die Zinngiesser durchaus Geheimniskrämer.

Schon bald durften wir selber Hand anlegen und nach eigenem Gusto ein kleines Zinnmedaillon mit Hammer und Meissel bearbeiten, während wir über das Spannungsfeld von fast ausgestorbenen handwerklichen Traditionen und alternativer Lebens- und Geschäftsmodelle philosophierten – oder uns vielleicht auch einfach nur fragten, was wohl als Abschlussessen auf dem Menüplan stand.

Mit unseren neuen Schlüsselanhängern, die so wunderbar die unterschiedlichen Temperamente und Charaktere der Mitarbeitenden widerspiegelten, ging’s auf zum Hotel Hecht. Nach einer ausgiebigen – diesmal nicht durch einen Münzapparat getakteten – Dusche fühlten wir uns alle wie neugeboren (oder doch zumindest merklich erfrischt) und machen uns auf ins Hotel Säntis, wo uns sowohl das Essen als auch der Wein vorzüglich schmeckten.

 

Gesättigt waren wir auch in anderer Hinsicht: So viele visuelle Höhepunkte (ich erinnere an die «Destination of a Lifetime»), Einblicke in Kulinarik und Handwerk an einem einzigen Tag hatten wir auf einem unserer Mitarbeiterausflüge noch selten. So genossen wir den Abschlussabend bei bester Stimmung und freuen uns heute bereits auf den Jubiläumsausflug nächstes Jahr. Ob es sich dabei tatsächlich – wie schon mehrfach angedroht – um ein Survival-Event handeln wird, können wir nur mutmassen. Denn egal ob Geheimrezeptur eines Käses, Alpenbitters’ Geheimnisträger oder Geheimzutaten im Biber – unser «Reiseleiter» lässt sich mindestens genau so ungern in die Karten schauen wie die Appenzeller.


Über den Autor
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Die Betreuung der Homepage, das Redigieren von Publikationen, die Organisation von Anlässen sowie diverse andere Aufgaben stellen eine spannende Abwechslung zu meinen typischen Office Management Aufgaben dar.

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