Verkauf von Schweizer EVU als strategische Option

Ausgangslage

Seit dem Inkrafttreten der Stromversorgungsgesetzgebung halten sich die Verkäufe von Verteilnetzbetreibern in überschaubarem Rahmen. Pro Jahr sind weniger als zehn Verkäufe gegen Barabgeltung zu verzeichnen.(1) Während zu Beginn der analysierten Zeitperiode praktisch ausschliesslich kleinere Verteilnetzbetreiber verkauft wurden, wurden in der jüngeren Vergangenheit zusätzlich auch grössere Verteilnetzbetreiber veräussert. Während erstere eine langsame Strukturbereinigung in der Branche darstellen, ist letzteres hauptsächlich auf Reorganisationsaktivitäten von grossen Energieversorgern zurückzuführen.

Abbildung 1: Anzahl Verkäufe von Schweizer Verteilnetzbetreibern pro Jahr (2)

Umfeld und Markt im Wandel

Im Verhältnis zur Gesamtanzahl der Schweizer Verteilnetzbetreiber werden nur sehr wenige Unternehmungen pro Jahr verkauft. Diese Situation könnte sich in Zukunft ändern, da die Elektrizitätsunternehmen mit einer zunehmenden Dynamik in der Entwicklung von Umfeld und Markt konfrontiert sind. Die fortschreitende Liberalisierung, die sich verschärfende Regulierung, die steigenden gesellschaftlichen Anforderungen für erneuerbare Energien und Energieeffizienz («Energiewende») sowie der technologische Fortschritt sind diejenigen Trends mit dem gegenwärtig grössten Einfluss auf die Geschäftstätigkeit der Unternehmen.

Abbildung 2: Herausforderungen und Geschäftsfelder von Elektrizitätsunternehmen (3)

Der vorliegende Artikel fokussiert sich auf Verkäufe gegen Barabgeltung von Verteilnetzbetreibern gemäss Art. 5 Abs. 1 Stromversorgungsgesetz (StromVG). Bei Verteilnetzbetreibern nehmen die Geschäftsfelder Netz und Grundversorgung (Versorgung gebundener Kunden) eine bedeutende Rolle ein. Die Geschäftsfelder Produktion, Marktversorgung (Versorgung freier Kunden) und Services sind in aller Regel von untergeordneter Relevanz. Die Landschaft der schweizerischen Verteilnetzbetreiber ist nach wie vor von einer starken Fragmentierung geprägt. Aktuell üben 653 Unternehmen die Funktion eines Verteilnetzbetreibers aus.(4) Diese Unternehmen sind äusserst heterogen ausgestaltet. Während rund die Hälfte aller Verteilnetzbetreiber unselbständige öffentlich-rechtliche Unternehmen („Gemeindewerke“) sind, sind jeweils rund 20% als Aktiengesellschaft gemäss Art. 620 ff. Obligationenrecht und als Genossenschaft gemäss Art. 828 ff. Obligationenrecht organisiert. Rund 5% der Unternehmen sind als selbständige öffentlich-rechtliche Unternehmen strukturiert. Die restlichen Unternehmen weisen verschiedene weitere Rechtsformen auf.(5)

Arten von Transaktionen

Bei Unternehmenstransaktionen wird grundsätzlich zwischen „Asset Deal“ und „Share Deal“ unterschieden. Im ersten Fall werden einzelne und spezifisch definierte Güter wie Anlagen und Grundstücke vom Verkäufer auf den Käufer übertragen. Findet mit der Übertragung einzelner Vermögenswerte zugleich ein Betriebsübergang statt, gehen auch die bestehenden Arbeitsverhältnisse auf den Käufer über. Im zweiten Fall erwirbt der Käufer vom Verkäufer ganz oder teilweise die Anteile (d.h. im Fall einer Aktiengesellschaft die Aktien) an der zum Verkauf stehenden Gesellschaft.

Diese Unterscheidung ist in der Praxis aus zwei Gründen relevant. Erstens ist ein Share Deal nur bei privatrechtlichen Rechtsformen (insbesondere Aktiengesellschaften) möglich. Bei einem unselbständigen öffentlich-rechtlichen Unternehmen bestehen keine Eigentumsanteile, die an einen Verkäufer übertragen werden könnten. Ein Gemeindewerk kann ausschliesslich durch einen Asset Deal verkauft werden. Zweitens behält das verkaufte Unternehmen bei einem Share Deal grundsätzlich die Rolle des Verteilnetzbetreibers, sofern nach dem Kauf keine Folgetransaktion (z.B. Fusion mit Käufer) stattfindet. Bei einem Asset Deal integriert der Käufer die entsprechenden Güter in seine Gesellschaft und übernimmt damit die Rolle des Verteilnetzbetreibers von der Verkäuferin.

Markt für Unternehmenstransaktionen

Damit überhaupt ein Markt für den Verkauf bzw. den Kauf von Verteilnetzbetreibern entstehen kann, muss eine solche Transaktion sowohl für den Verkäufer als auch für den Käufer genügend attraktiv sein. Diese Attraktivität manifestiert sich beim Verkäufer insbesondere durch einen hohen Verkaufserlös und beim Käufer hauptsächlich durch eine ansprechende Rendite. Nur wenn die Wirtschaftlichkeit der Transaktion sowohl für den Verkäufer als auch für den Käufer genügend attraktiv ist, findet die Transaktion auch einen erfolgreichen Abschluss. Ergänzend fliessen beim Verkäufer und beim Käufer teilweise auch nicht-finanzielle Überlegungen in den Entscheidungsfindungsprozess ein. Diese Überlegungen sind oft vor allem strategischer Art (z.B. Ausbau der Marktposition).

Motivation für Verkäufer

Steht ein Verteilnetzbetreiber zum Verkauf, stellt sich die Frage nach der Motivation des Verkäufers. Aufgrund der jüngsten Marktentwicklungen lassen sich insbesondere folgende fünf relevante Einflussfaktoren auf die Wirtschaftlichkeitsüberlegungen des Verkäufers identifizieren:

  • Die steigende Komplexität für die Ausübung der Stromversorgung stellt vor allem für kleinere Verteilnetzbetreiber eine zunehmende Herausforderung dar. Im Vergleich zur Situation vor der Einführung der Stromversorgungsgesetzgebung haben die Unternehmen heutzutage viel höhere regulatorische Anforderungen zu erfüllen. Ebenfalls nicht zu vernachlässigen sind die gestiegenen (finanziellen) Ansprüche der Eigentümerin. Viele Unternehmen rechnen in Zukunft mit weiteren Herausforderungen wie beispielsweise eine Umsetzung der vollständigen Marktliberalisierung oder die Einführung einer Anreizregulierung.
  • Verteilnetzbetreiber haben vermehrt Schwierigkeiten, genügend fachlich qualifiziertes Personal zu rekrutieren und zu binden. Diese personellen Einschränkungen akzentuieren sich insbesondere bei kleineren Verteilnetzbetreibern zusehends. Einerseits können aufgrund eines geringen Personalbestandes die erforderlichen Stellvertretungen kaum mehr gewährleistet werden. Zweitens machen die zunehmenden gesellschaftlichen Grenzen des „Milizprinzips“ auch vor der Stromwirtschaft nicht halt. Die Suche nach geeigneten Nachfolgeregelungen gestaltet sich vor allem bei nebenamtlichen Engagements zusehends schwieriger.
  • Die Unternehmen sind aus wirtschaftlicher Sicht gefordert, den wachsenden Herausforderungen mit einer optimalen Leistungserbringung entgegen zu treten. Dies hat zur Folge, dass sie neue Märkte erschliessen, neue Angebote entwickeln und bestehende Ressourcen optimiert einsetzen müssen. Auch bedingen die Interaktionen mit der Eidgenössischen Elektrizitätskommission (ElCom) einen höheren Ressourcenbedarf. Diese Anforderungen an die Leistungserbringung sind insbesondere für kleinere Verteilnetzbetreiber bei fehlender „kritischer Grösse“ zunehmend schwieriger zu erfüllen.
  • Bei den Eigentümergemeinden von kommunalen Verteilnetzbetreibern stellt sich vermehrt die Frage nach der Zuständigkeit für die Stromversorgung. Diese wird immer häufiger nicht mehr als zwingende Aufgabe der öffentlichen Hand betrachtet. Die Eigentümergemeinden fokussieren sich stärker auf ihre eigentlichen Kernkompetenzen und überlassen die Stromversorgung spezialisierten Anbietern.
  • Nicht zu vernachlässigen sind auch finanzielle Schwierigkeiten oder sogar Notlagen der Eigentümerinnen von Verteilnetzbetreibern. Eine Einwohnergemeinde kann durch einen Verkauf ihres kommunalen Verteilnetzbetreibers einen bedeutenden „Zustupf“ an den Gemeindehaushalt generieren bzw. gegebenenfalls erforderliche Steuererhöhungen vermeiden. Im Falle von Verbundunternehmen, die ihre Tochtergesellschaften verkaufen, ist vor allem die Generierung von Liquidität zur Sicherung des Restunternehmens von zentraler Bedeutung. Ebenfalls kann ein hoher Finanzierungsbedarf des Unternehmens selber (z.B. aufgeschobener Unterhalt, aufgestaute Investitionen) zu einem Verkaufsentscheid führen.

Motivation für Käufer

  • Damit ein Verkauf eines Verteilnetzbetreibers erfolgreich durchgeführt werden kann, interessiert nicht nur die Motivation des Verkäufers, sondern ebenso die nicht minder relevante Motivation des Käufers. Aufgrund von kürzlich erfolgten Transaktionen lassen sich hauptsächlich folgende vier relevante Beweggründe auf die Wirtschaftlichkeitsüberlegungen des Käufers im Markt erkennen:
  • Die beiden Geschäftsfelder Netz und Grundversorgung sind durch die Stromversorgungsgesetzgebung auf Basis eines „Cost+-Ansatzes“ stark reguliert. So können beim Netz die Betriebs- und Kapitalkosten am Netznutzungsentgelt und bei der Grundversorgung die Gestehungskosten an den Energietarifen angerechnet werden. Weiter ist ein regulatorisch angemessener Gewinn zulässig. Beides führt heute im Vergleich zu anderen Geschäftsfeldern zu einer verhältnismässig sicheren Rendite.
  • Mit dem Kauf eines Verteilnetzbetreibers kann der Käufer, sofern er ebenfalls in der Versorgungswirtschaft tätig ist, oft sog. Skaleneffekte (Grössenvorteile) erschliessen und dadurch seine bereits bestehenden Ressourcen (insbesondere IT-Systeme, Infrastruktur und Personal) besser auslasten. Durch diese optimierte Nutzung der bereits bestehenden Ressourcen kann die möglicherweise fehlende „kritische Grösse“ überwunden oder zumindest abgeschwächt werden.
  • Aus energie- und netzwirtschaftlicher Sicht ist oft auch die Arrondierung des Netzgebietes eine wichtige Motivation für einen Käufer. Durch den Kauf eines benachbarten Verteilnetzbetreibers eröffnen sich neue Möglichkeiten für die weitere Netzentwicklung bzw. für die zukünftige Netztopologie, die aus wirtschaftlicher Optik zu einer optimierten Gesamtsituation führen können. Diese Möglichkeit bietet sich in der Regel nur für unmittelbar benachbarte Käufer.
  • Im gegenwärtigen wirtschaftlichen und politischen Umfeld besteht ein hohes Mass an Unsicherheit (vgl. Auswirkungen des „Brexit“). Viele potenzielle Investoren sowohl aus der Branche als auch aus Finanzkreisen (z.B. Pensionskassen) sind auf der Suche nach „sicheren“ Anlagemöglichkeiten. Verteilnetzbetreiber werden aktuell als sichere Investitionsmöglichkeit sowohl aus Eigen- als auch aus Fremdkapitalsicht eingeschätzt.

Erfolgsfaktoren eines erfolgreichen Verkaufs

Die Umsetzung einer Transaktion hängt nicht nur von der Übereinstimmung der Preisvorstellungen des Verkäufers und der Zahlungsbereitschaft des Käufers ab. Auch einige prozessuale Faktoren sind für den erfolgreichen Abschluss bzw. für ein erfolgreiches Gelingen des Verkaufs bedeutend:

  • Dem Verkäufer wird empfohlen, den Verkauf in Form eines strukturierten Verkaufsprozesses durchzuführen. Nur mit einem klaren und sowohl für Verkäufer als auch Käufer verständlichen und nachvollziehbaren Vorgehen kann eine erfolgreiche Transaktion sichergestellt werden. Die Erfahrung zeigt, dass diesem Aspekt insbesondere von kommunalen Eigentümerinnen oft nicht genügend Beachtung geschenkt wird. Deren Verkaufsprozesse basieren oft weniger auf einem strukturierten Vorgehen, sondern unterliegen oft stärker den jeweils aktuellen politischen Befindlichkeiten.
  • Bei Gemeindewerken stellt sich aus Verkäufersicht zudem die Frage nach dem für den Verkauf abschliessend zuständigen kommunalen Organ. In der Regel wird der Verkaufsprozess durch die Exekutive vorbereitet und durchgeführt. Die finale Vertragsunterzeichnung unterliegt jedoch in der Regel der Genehmigung durch die Legislative (Parlament oder Souverän). Die Exekutive ist gut beraten, einen Verkaufsprozess nur bei ausreichender politischer Unterstützung einzuleiten.
  • Im Transaktionsprozess werden im Rahmen der Sorgfaltsprüfung („Due Diligence“) gegenüber den potenziellen Käufern die geschäftsrelevanten Daten und Informationen des zum Verkauf stehenden Verteilnetzbetreibers offen gelegt. Je besser das Geschäft dokumentiert werden kann, desto effizienter wird der Transaktionsprozess. Die potenziellen Käufer können sich ein klares Bild über die aktuelle Ausgangslage und zukünftige Entwicklung des Verteilnetzbetreibers machen. Eine vollständige und korrekte Dokumentation des Geschäfts kann zudem preiserhöhend wirken, da aus Sicht der potenziellen Käufer weniger Unsicherheiten bestehen und auf notwendige Vorbehalte (z.B. Gewährleistungen) verzichtet werden kann.
  • Transaktionsprozesse sind in der Regel sowohl für den Verkäufer als auch für den Käufer sehr arbeitsintensiv. Beide Parteien haben sicherzustellen, dass sie im Rahmen des engen Zeitplans die erforderlichen personellen Ressourcen unter Berücksichtigung der erforderlichen fachlichen Qualifikationen für die Transaktion verfügbar haben.
  • Ein Verkaufsprozess ist ein verhältnismässig seltener Geschäftsvorfall eines Unternehmens. Vielen Verkäufern und Käufern fehlt daher oft die erforderliche Fachkompetenz zur Gewährleistung einer effizienten Transaktion. In diesen Fällen empfiehlt es sich, externe Unterstützung von Spezialisten mit entsprechender Fach- und Branchenkompetenz beizuziehen. Dies kann zudem auch zu einer Entlastung der eigenen personellen Ressourcen führen.
  • Der abschliessend festgelegte Kaufpreis für den Verteilnetzbetreiber muss nicht zwingend dem objektiven Wert des Unternehmens entsprechen. Im Gegenteil ist eine Abweichung von Preis und Wert die Regel (vgl. Ziffer 6). Eine realistische Vorstellung über den möglichen Verkaufspreis beim Einstieg in den Transaktionsprozess verhindert sowohl aus Verkäufer- als auch aus Käufersicht mögliche Enttäuschungen beim Erhalt bzw. bei der Abgabe der Kaufangebote durch die potenziellen Käufer.

Herleitung von Preisindikationen

Für die Ermittlung einer Preisindikation können verschiedene Verfahren aus der klassischen Unternehmensbewertung zur Anwendung gelangen, wobei die geschäftsspezifischen Gegebenheiten zu berücksichtigen sind. Aufgrund der unterschiedlichen Charakteristiken der einzelnen Geschäftsbereiche (Chancen, Risiken, Margen, Kapitalbindung) werden diese vorzugsweise im Rahmen eines Komponentenansatzes einzeln bewertet.

Abbildung 3: Herleitung Unternehmens- und Eigenkapitalwert mittels Komponentensansatz (illustrativ)

Das Netz stellt in der Regel den weitaus grössten Wert eines Verteilnetzbetreibers dar. Dieses wird häufig mit dem Substanzwertverfahren und/oder der Discounted Cash Flow Methodik (DCF) bewertet:

  • Die Substanz entspricht grundsätzlich dem regulatorischen Restwert der Anlagen („Regulatory Asset Base“), allenfalls unter Abzug eines Abschlages für mögliche Bewertungsunsicherheiten.(6) Zusätzlich gilt es auch das Nettoumlaufvermögen zu berücksichtigen, welches im regulierten Cost+-Modell ebenfalls Zinseinnahmen generiert und damit einen Wert darstellt. Auch der Bestand an Deckungsdifferenzen ist zu berücksichtigen und zu bewerten.(7) Je nach Bestand an Unter- oder Überdeckungen sind diese als Zu- oder Abschlag zu behandeln.
  • Bei der DCF-Methode werden die künftigen Geldflüsse auf den Zeitpunkt der Übernahme abdiskontiert. Sofern alle Kosten inkl. kalkulatorischer Verzinsung in die Tarife eines Verteilnetzbetreibers einkalkuliert und auch eingenommen werden und für die Diskontierung ebenfalls der WACC nach StromVG zur Anwendung gebracht wird, resultiert grundsätzlich der gleiche Wert wie beim Substanzwertverfahren (regulatorischer Anlagenrestwert + Nettoumlaufvermögen +/- Deckungsdifferenzen). In der Praxis werden teilweise auch andere Diskontierungssätze verwendet, indem beispielsweise eine andere Kapitalstruktur (Eigen-/Fremdkapitalanteil bzw. Leverage) verwendet wird oder andere Zins- bzw. Risikoannahmen getroffen werden, was zu Abweichungen von den regulierten Werten führt.

Die weiteren klassischen Geschäftsbereiche von Verteilnetzbetreibern wie der Stromvertrieb oder das Dienstleistungsgeschäft weisen oftmals nur geringe in der Bilanz aktivierte Werte aus und stellen primär immaterielles, nicht bilanziertes Vermögen dar. Diese werden häufig mit der DCF-Methode bewertet, indem die künftigen Geldflüsse auf der Basis freier Cash Flows vor oder nach Zinsen diskontiert werden. Auch für Produktionsanlagen wird in der Praxis oftmals die DCF-Methode angewandt, da diese die erwarteten Preis- und damit auch Geldfluss-Entwicklungen berücksichtigt.

Alternativ lassen sich auch Multiples verwenden (z.B. Preis pro Kunde, Umsatz-Multiple), welche aufgrund der nicht vollständig gegebenen Vergleichbarkeit jedoch vielfach primär zu Kontroll- und Plausibilisierungszwecken herangezogen werden. Hingegen ist die reine Abstützung auf Multiples insbesondere einem Käufer nicht zu empfehlen, da die Vergleichbarkeit der einzelnen Verteilnetzbetreiber oftmals eingeschränkt ist und reine Multiple-Ansätze zu verfälschten Wertüberlegungen führen können.

Unabhängig von der konkreten Bewertungsmethodik ist es empfehlenswert, verschiedene Szenarien zu definieren und Sensitivitäten zu berechnen, um Bewertungsbandbreiten zu ermitteln. Den einzigen „richtigen“ Wert gibt es nicht. Ferner werden mit diesem Vorgehen auch wichtige Erkenntnisse über die relevanten Werttreiber und damit über die Chancen und Risiken des Unternehmens gewonnen.

Wie in Abbildung 3 dargestellt ergibt die Summe der einzelnen Geschäftsfeldwerte den Unternehmenswert. Davon wird das verzinsliche Fremdkapital abgezogen und eine allfällige nicht betriebliche Substanz (z.B. nicht betriebsnotwendige Beteiligungen oder Eigentum an nicht betrieblichen Liegenschaften) addiert, um den Marktwert des Eigenkapitals zu erzielen. Dieser weicht in der Regel vom in der Buchhaltung ausgewiesenen Eigenkapitalwert ab. Die Differenz zwischen Marktwert und Buchwert des Eigenkapitals entspricht dem Goodwill (Marktwert > Buchwert) bzw. dem Badwill (Marktwert < Buchwert).

Der so ermittelte Wert kann in der Regel nicht mit dem Preis gleichgesetzt werden. Während der Wert eine Grösse darstellt, welche auf Basis der getroffenen Annahmen (Zeitpunkt einer vollständigen Marktliberalisierung, Absatzentwicklung aufgrund des Wirtschaftswachstums, etc.) mehr
oder weniger stark zwischen den Berechnungen der potenziellen Käufern und der Kalkulation des Verkäufers abweicht, ist der Preis das Ergebnis eines Verhandlungsprozesses bei dem sich die Wertvorstellungen von Käufer und Verkäufer letztlich treffen. Dabei kommen auch Faktoren zur Geltung, welche sich nur teilweise quantifizieren und damit bewerten lassen (z.B. strategische Prämie für Netzgebietserschliessung, generelles makroökonomisches Umfeld mit Negativzinsen und einem bestehenden Anlagennotstand).

Einschätzung zur aktuellen Situation

Die Verteilnetzbetreiber werden mit den Entwicklungen in Umfeld und Markt immer stärker unter Druck gesetzt, ihre Strukturen, Prozesse und Systeme effizienter zu gestalten. Reorganisationen werden in den Vordergrund rücken. Insbesondere für kleine und mittlere Versorger, welche bisher nur bedingt Skaleneffekte realisieren konnten, werden die zukünftigen Effizienzanforderungen grosse Implikationen für ihre Organisation haben.(8)

Schlussendlich dürfte dieser Entwicklungspfad zu einer weiteren Konsolidierung in der Stromwirtschaft führen. Unternehmen, die den zukünftigen Anforderungen nicht mehr genügen, sind gefordert, sich neu aufzustellen. Neben Fusionen oder Pacht- und Betriebsführungsmodellen kann der Verkauf eines Verteilnetzbetreibers eine Variante darstellen, welche insbesondere dann angezeigt ist, wenn eine Fokussierung erfolgen soll (Stromversorgung nicht mehr Kernkompetenz der Eigentümerschaft) und/oder ein erhöhter Liquiditätsbedarf für Investitionen oder seitens der Eigentümerschaft besteht. Aus rein finanzieller Sicht ist der Zeitpunkt für einen Verkauf derzeit aus mehreren Gründen günstig:

  • Die Monopolbereiche Verteilnetz und Grundversorgung garantieren in der heutigen Regulierungssituation eine verhältnismässig stabile und sichere Rendite.
  • Eine Vielzahl von potenziellen Käufern aus der Branche verfügt über hohe Liquiditätsbestände, welche strategiekonform zu investieren sind.
  • Neben Verteilnetzbetreibern treten zudem vermehrt auch Finanzinvestoren oder institutionelle Investoren als Kaufinteressenten auf, was vielfach in ein Bieterverfahren mündet.

Aufgrund einer grossen Nachfrage nach stabilen, sicheren und strategiekonformen Anlagen lassen sich momentan verhältnismässig hohe Preise am Markt beobachten. Diese enthalten im Vergleich zu den jeweiligen regulatorischen Werten jeweils beachtliche Prämien. Es stellt sich aus Verkäufersicht die Frage, wie lange diese zumindest aus finanzieller Optik grundsätzlich attraktive Situation noch anhält. Letztlich muss aber berücksichtigt werden, dass für einen erfolgreichen Verkauf häufig auch weitere, nicht-finanzielle Faktoren ebenso wichtig sein können.

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Verkauf von VNB

Verweise

(1) In der vorliegenden Analyse werden keine Fusionen bzw. Zusammenschlüsse von zwei oder mehreren Verteilnetzbetreibern mit Abgeltung gegen Aktien analysiert. Ebenfalls nicht Gegenstand der Analyse sind vertragliche Pacht- und Betriebsführungsmodelle. Im vorliegenden Artikel wird der Fokus auf den klassischen Verkauf eines Verteilnetzbetreibers gerichtet.

(2) Siehe Anhang 1 (exkl. Fusionen mit Abgeltung gegen Aktien).

(3) Graf P. und Waldmeier N. (2016): „Wenn Geschäftsmodelle Rost ansetzen“, Kommunalmagazin, April / Mai 2016; erhältlich unter www.evupartners.ch.

(4) Vgl. www.swissgrid.ch/swissgrid/de/home/reliability/griddata/distribution.html (Stand per 10. August 2016).

(5) EVU Partners AG; „Unselbständige öffentlich-rechtliche Verteilnetzbetreiber im Spannungsfeld von Markt und Politik“; www.evupartners.ch; 30. April 2014.

(6) EVU Partners AG; „Bewertungssituation Schweizer Stromverteilnetz“; www.evupartners.ch; 16. November 2015

(7) EVU Partners AG; „Regulatorische Deckungsdifferenzen“; www.evupartners.ch; 15. Januar 2013.

(8) Graf P. und Waldmeier N. (2014): „Düstere Aussichten für Stromversorger“, Energy.Now, 2014; erhältlich unter www.evupartners.ch.


Über den Autor
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Ich beschäftige mich hauptsächlich mit Strategieentwicklung und Organisationsoptimierungen sowie Rechtsformänderungen.

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